Rapha Prestige Eifel - Casquette
Text: Guido & Fotos: Fellusch

Rapha Prestige Eifel 2018

MIt den Filmen der Rapha Continental-Reihe, zu der Rapha vor gut 10 Jahren schrieb "... to explore the road less travelled, discovering those things you only find out on the open road with your fellow riders", schaffte es das Londoner Bekleidungs- und Lifestyleunternehmen, die Marke Rapha in einem in der Branche bisher kaum gekanntem Ausmaß emotional aufzuladen. Die Art und Weise, wie hier ein bestimmtes Lebensgefühl - eine Gruppe von Freunden gekleidet in am Radsportlook der Coppi-Ära angelehnter moderner Sportbekleidung, frei von allen Alltagszwängen auf Abenteuerfahrt - visualisiert wurde, um darüber zu verkaufen, war wegweisend für viele Unternehmen der Branche und zog viele Nachahmer an. Auch heute noch zehren Marken wie z. B. Pas Normal davon. Aktuell produziert Rapha mit Angus Morton, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Lachlan mit dem ersten Thereabouts-Film viel Aufmerksamkeit erregte, aber bereits mit dem zweiten Film gefühlt in einer Sackgasse landete, eine neue Reihe, Outskirts. Auch hier werden wieder die Wege abseits vom Weg zum Ziel gemacht, was bestens zum derzeitigen "Gravel, breite Reifen, Scheibenbremsen und Bikepacking-Trend" passt. All das steckt auch in der Prestige Serie, die "Abenteuer light" für einen Tag ist. Als Rapha jetzt einen Prestige nicht nur in Deutschland, sondern auch noch nahgelegen in der Eifel veranstaltete, zögerte ich nicht lange und fuhr mit.

Die Regeln eines Prestiges sind einfach: man startet zu viert als Team, durchläuft als Team die Checkpoints und kommt auch als Team am Ziel an. Es gibt keine Zeitnahme, kein Treppchen, keinen Siegerkranz - nur den gemeinsam zurückgelegten Weg, neue Eindrücke und die geteilte Erfahrung. Die Ausschreibung der Prestiges erfolgt auf der Website von Rapha. Maximal 50 Teams können teilnehmen. 48 Stunden vor dem Start erhalten die Teams die Route.

Hendrik, versuchst Du gerade, in die Papierkarte zu zoomen?

Die Nacht vor dem Prestige Eifel ist kurz. Um 6:25 Uhr beginnt das Team Captains Meeting im Café Grünental, dem Start- und Zielort. Das Café, dessen Gebäude im frühen 18 Jhd. im Kern eine Walkmühle und Tuchfabrik war, liegt so tief unten in einem kleinen Tal, dass erst 100 m weiter die Straße aufwärts die Handys wieder Netz haben. Locals nennen das Tal bezeichnenderweise "das Loch". Hendrik, der zusammen mit dem Bub mitten in der Nacht zum Startort angereist ist, ist so müde, dass Bastian ihn dabei ertappt, wie er versucht, mit Daumen und Zeigefinger in die Papierkarte hineinzuzoomen. "Noch einen Espresso?"

Die Sonne geht auf im Grünental.

Nach ein paar Kilometern kommt die Sonne heraus, vertreibt den Frühnebel und lässt den Asphalt schimmern. Auf und ab führt die Straße, wir überholen vor uns gestartete Teams, machen alberne Witze und sind komplett im Hier und Jetzt. An der Rurtalsperre entlang dem Ufer der Urft beginnen die ersten Gravelabschnitte, die wir mit Begeisterung und Vollgas nehmen. Schotter spritzt nach links und rechts. Meine 25 mm-Reifen haben trotz niedrigem Luftdruck gerade noch genug Grip.

What do you mean it's time, time for me to grow up? I don't want any part. Gorilla Biscuits, New Direction.
So whatcha want?

Nach 25 km fahren wir gegen eine Wand. Ein schmaler Weg mit rund 15 % Steigung führt über die Urfttalsperre hinauf zur ehemaligen Ordensburg Vogelsang, ein Ort mit düsterer Geschichte, der heute als internationaler Platz für Toleranz, Frieden und Vielfalt dient. Vogelsang war in der NS-Zeit eine der drei Ordensburgen, in der vor allem die nationalsozialistische Rassenideologie fest in den Köpfen der künftigen NSDAP-Führungskader verankert werden sollte. Jetzt machen dort Touristen Selfies. Wir fahren weiter Richtung Gemünd und in die erste längere Abfahrt ein. Danach reihen sich Rampen an Rampen. Die kurzen Anstiege an den Stauwehren sind die schlimmsten. Fast immer zeigt der Wahoo Bolt 15 % Steigung an. "Meine Beine sind wie Spaghetti", klagt der Bub, während ich neidisch auf seine Kompaktübersetzung und die große Kassette schaute und meine Beine in Zeitlupe die Kurbel drehen. 1905 rief Henri Desgrange, Herausgeber der Sportzeitung "L’Auto", Begründer und Organisator der Tour de France, als er in seinem Sportautomobil bei einem Alpenanstieg einen einbrechenden Fahrer überholte, "Leiden, Trousselier, das ist die vollständige Entfaltung der Willenskraft. Beweisen Sie, dass Sie ein Mann sind!" Glücklicherweise ist ein Stauwehr endlicher als ein Alpenanstieg. Dennoch eine geistige Notiz: Ich werde nie wieder mit 39/28 als kleinste Übersetzung in der Eifel fahren.

Über Brücken und Berge, durch Wälder und immer wieder über Schotter

Der erste Verpflegungspunkt ist typisch Rapha, selbst eine Espressomaschine ist da

Mittlerweile grinden wir auf dem Hemingway-Trail durch den Hürtgenwald. Der große Ernest Hemingway, der in beiden Weltkriegen als Kriegsreporter tätig war, erlebte im Zug der Ardennenoffensive Ende 1944 die Schlachten im Hürtgenwald zwischen den Alliierten und einer verzweifelten Wehrmacht mit. Er beschreibt den Hürtgenwald später als den Vorhof zur Hölle. Bastian und der Bub ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen. Nach rund 85 km erreichen wir die erste Verpflegungsstelle. Vor dem Rapha-Mobil ist neben einem Baristawagen mit der obligatorischen Rapha-Espressomaschine unter einer Markise ein langer Tisch aufgebaut, auf dem verschiedene Brötchen und Gebäck, Käse, Würstchen, Trockenobst, Frischobst, Oliven-Tapenade, Haribo, Waffeln und Riegel gehäuft sind. Wir fahren schließlich kein Rennen. In einer Kühlbox sind sogar kalte Getränke. Auch Zero-Getränke. Die will aber niemand. Wir wollen vor allem Zucker. Und Koffein. "Espresso?"

99 % der Teilnehmer/innen sind Wahooligans

Die Anstiege, die jetzt kommen, sind etwas länger, dafür nur noch mit einstelligen Gradienten. Wir überholen eins der vor uns gestarteten Teams der Schicke Mütze aus Düsseldorf und wenig später das holländische Team St. Joris Cycles / Sputnik. Selbst für Rapha-Verhältnisse ein gut gekleidetes und ausgestattetes Team. Alex, den Rahmenbauer, der hinter den schön gearbeiteten Sputnik Steel-Gravelbikes steht, lernen wir später an der zweiten Verpflegungsstelle kennen. Überall piepsen Wahoo ELEMNT Bolt-Radcomputer, die die Route verloren glauben und kurz darauf wiederfinden. Wir sind noch immer im Hürtgenwald, allerdings jetzt an seinem westlichen Rand.

Der Vennbahnradweg ist eine Radautobahn

Nach rund 115 km fahren wir bei Lammersdorf an der Grenze zu Belgien auf den Vennbahnradweg. Zumindest Bastian und ich, die mitten aus dem Ruhrgebiet kommen, wo es ein immer dichter werdendes Radwegenetz aus ehemaligen Industriebahntrassen gibt, fühlen uns zu Hause. Auch der Vennbahnradweg, der über 125 km von Aachen bis ins luxemburgische Troisvierges (Ulflingen) führt, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Industrietrasse. Die Vennbahn war die Schlagader zwischen den Kohlerevieren um Aachen und den Hüttenbetrieben in Lothringen und Luxemburg. Wir freuen uns nach dem überwiegend geschotterten Auf- und ab erst einmal über den langweiligen Asphalt und ballern die flache bis leicht abschüssige Strecke mit 40 - 45 km/h entlang, vorbei an Roettgen bis zum belgischen Grenzort Raeren. Unterwegs schließen wir zu einer größeren Gruppe um den Prestige-Fotografen Erwin Sikkens auf. Gegen Erwins Rücken baumelt eine Spielreflexkamera mit langem Objektiv und Streublende. Von der Grenze aus geht es Richtung Süden über gute Straßen bis zur Wesertalsperre, wo wir nach 145 km den zweiten Verpflegungspunkt erreichen. Der ist nicht direkt von Rapha, sondern von Canyon Bicycles errichtet worden und wird auf einer Wiese am Stausee aus dem Kofferraum eines Kombis betrieben. Auch hier fehlt es nicht an Charme. Wohl aber am Espresso. Leider.

Müde, aber gut gelaunt im Gras mit einer Tüte Haribo.

Quelle: Erwin Sikkens / Rapha Prestige

Der Rest des Weges verläuft zunächst östlich über einen weiteren Gravelabschnitt durch Wald und Moor Richtung Simmerath und dann wieder über den Vennbahnradweg südlich bis Küchelscheid, einem kleinen Dorf an der belgischen Grenze nahe Monschau-Kalterherberg. Von da führt noch einmal eine 20 km lange Schleife durch das Hohe Venn in Belgien. Der südwestlichste Zipel dieser Schleife streift knapp den Baltia-Hügel, eine Aufschüttung, die mit 694 m O. P. die höchste Erhebung in Belgien ist. Danach geht es direkt zurück hinab ins "Loch", aus dem wir am frühen Morgen gestartet sind.

Es geht nicht um Kudos

Im Café Grüntal gibt es Bier und Kölsch, Lassagne, Pizza und Salat, überall lehnen Räder, stehen und sitzen Leute, große Augen, schmutzige Beine, verschwitzte Jerseys mit Salzkrusten, Gelächter und Gesprächsfetzen auf Deutsch, Holländisch und Englisch. An den Eindrücken gemessen waren wir alle nicht 7 - 10 Stunden, sondern gefühlt mindestens ein Wochenende lang unterwegs. Und das ist es, was das hier ausgemacht hat. Kein Treppchen, keine Platzierungen bei Rad-Net oder zumindest Strava, keine Blumen, Trophäen oder Kudos. Dafür neue Eindrücke, neue Wege und neue Freundschaften. Wie schrieb Rapha vor 10 Jahren so schön? "Explore the road less travelled, discovering those things you only find out on the open road with your fellow riders."

Fotoedit alle: Fellusch. Fotoquellen von oben nach unten und links nach rechts: 1. + 2. Fellusch, 3. Steffen Weigold / Rapha Prestige, 4. Hendrik Tafel, 5.-9. Oliver "Bub" Michel, 10. Hendrik Tafel, 11. Erwin Sikkens / Rapha Prestige.

Rapha Prestige Eifel

Monschau, Nordrhein-Westfalen, Germany

Distanz 199.15 Kilometer Steigung -0 Prozent Höhenunterschied 443.2 Meter

Rapha Prestige Eifel

Für alle, die den Ride in der Eifel nachfahren wollen, haben wir hier die GPX-Datei.

GPX-Datei Rapha Prestige Eifel

Links zum Artikel

Folge Turbovelos