Pia Heming vor der Hochhauskulisse

VIVAWEST RUHRPOTT TOUR 2018 - 3. ETAPPE und Finale, Recklinghausen

Die dritte und letzte Etappe der VIVAWEST Ruhrpott Tour 2018 findet im Herzen der Breukesbachsiedlung in Recklinghausen statt, die lange Zeit als echter Problembezirk galt, bis sie vor ein paar Jahren vom Titelsponsor der Rennserie, der Wohnungsgesellschaft Vivawest Wohnen GmbH, saniert wurde. Auf die farbenfroh gestrichenen Hochhäuser brennt die Sonne von einem nahezu wolkenlosen Himmel. Vereinzelt fahren sich ein paar Frauen langsam auf der Strecke ein. Andere Fahrerinnen und Fahrer stehen in der mittäglichen Backofenhitze an den wenigen Schattenstellen im Startbereich. Helfer bringen die letzten Werbebanner an den Drängelgittern an, Rennsprecher Henning Tonn, die Stimme des NRW-Radsports, hilft ihnen. Michael Zurhausen, der das Rennen für den veranstaltenden Verein organisiert, hat sich ein Handtuch um die Schultern gelegt und schwitzt in der Sonne. Zuschauer erscheinen - noch spärlich - am Streckenrand. Das Finale kommt erst langsam in Fahrt.

Die neue 1,2 km lange Strecke ist selektiv. Nach der ersten Kurve kommt eine leichte Steigung, die sich bis in die Gegengerade hineinzieht, dann eine Linkskurve mit einer Engstelle unmittelbar im Kurvenausgang, eine langgezogene Rechtskurve und zwei Linkskurven hintereinander, die auf die Zielgerade zurückführen. Wechselnde Straßenbeläge und verkehrsberuhigende Schikanen an den Übergängen fordern zusätzlich. “Eine typische Zurhausen-Strecke”, kommentiert einer der B-Fahrer lakonisch.

Frauenrennendebüt im Finale der VIVAWEST Ruhrpott Tour

Typisch Zurhausen ist aber auch, dass er sich durchaus auf Experimente einlässt. Den Versuch, die Fahrerzahl von teilnehmenden Teams in der Ausschreibung zu begrenzen, damit es schwieriger wird, das Rennen schon durch die Teamgröße zu dominieren, zog er zurück. Auf unserer Facebookseite wurde die Frage, ob eine solche Teamgrößenbegrenzung sinnvoll ist, kontrovers diskutiert. Auch die erstmalige Einführung eines Frauenrennens im Rahmen der VIVAWEST Ruhrpott Tour - das geht ebenfalls auf eine Diskussion zurück, die auf unserer Facebookseite geführt wurde - ist ein Experiment. Und es ist Zurhausen anzurechnen, dass er sich auf einen Versuch eingelassen hat, obwohl die Ruhrpott Tour ein bewährtes Format und jede Änderung zunächst ein wirtschaftliches Risiko ist, das der Veranstalter kalkulieren muss. Und in aller Regel ist "bekannt und bewährt" der sichere von zwei Wegen. Allerdings lässt "bekannt und bewährt" auch keinen Fortschritt zu und führt zur Erstarrung. Und Erstarrung ist nichts, was den Radsport in Deutschland beleben kann.

Der Tag von Pia Heming und Beate Zanner

Das Frauenfeld besteht aus 20 Fahrerinnen. Die jüngste ist die siebzehnjährige Pia Heming. Die übrigen Fahrerinnen im Feld sind, von drei abgesehen, die in der U23 fahren, Elite-Frauen. Beate Zanner vom Team maxx-solar LINDIG ist eine der Top-Elite-Frauen im Amateurradsport. Auch Tanja Hennes vom TV Attendorn fährt mit. Die 47-jährige, die viele Jahre lang für viele internationale Radsportteams gefahren ist und zu den erfolgreichsten Fahrerinnen Deutschlands gehört, ist die mit Abstand erfahrenste Frau im Feld. Vom RSV Gütersloh bzw. Volvo Markötter Team sind drei Fahrerinnen da. Lydia Ventker - die ein paar Wochen zuvor geheiratet hat und in den Meldelisten noch unter ihrem Mädchennamen Wegemund geführt wird - Anna Otte und Christiane Stefanic. Katharina Venjakob, die 2015 Amateur-Weltmeisterin im Einzelzeitfahren und auf der Straße wurde und dieses Jahr in Einhausen bei der Deutschen Meisterschaft Straße Sechste wurde, ist im Trikot der Haberich Cycling Crew erschienen. Carmen Burmeister ebenso. Das Frauenfeld in diesem Debüt ist noch nicht groß, aber gut besetzt.

Beate Zanner (l) und Pia Heming (r).

Das Mögliche soll der Entschlossene beherzt beim Schopfe fassen

Das Feld der Frauen mäandert halbwegs geschlossen durch die ersten Runden. Die wenigen Ausreißversuche wirken noch halbherzig und sind eher Tests der Konkurrentinnen. Erst ein Sturz in der Mitte des Rennens ändert das Bild. Beate Zanner und Lydia Ventker (Wegemund) nutzen ohne zu Zögern die Gelegenheit und setzen sich an der Steigung hinter der ersten Kurve ab. Tanja Hennes, die im Sturz verwickelt war, kann den beiden nicht nachsetzen. Das restliche Feld reagiert zu langsam, scheint sich uneins zu sein, und nimmt erst spät Fahrt auf. Zanner und Ventker, beide sehr erfahrene Fahrerinnen, die 2010 und 2011 in denselben Bundesliga-Teams fuhren und sich gut kennen, können entscheidende Sekunden auf das Hauptfeld herausfahren und sind nach ein paar Runden uneinholbar. Ein langer Sprint, in dem sich Zanner durchsetzen kann, entscheidet das Rennen. Ventker wird Zweite. Simona Jantke, eine der beiden Janke Schwestern, die sechs Jahre Bundesliga für das Team Koga-Ladies fuhr und eine gute Sprinterin ist, wird Dritte.

Pia Heming, die jüngste Fahrerin

Die 17-jährige Juniorin, die in Recklinghausen den sechsten Sieg in diesem Jahr und den zweiten des Wochenendes - sie gewann am Vortag im Bochum-Wiemelhausen - errungen hat und als Einzelfahrerin in der Bundesliga fährt, war die jüngste Fahrerin im Feld. Dennoch konnte sie sich inmitten der Elitefrauen behaupten. Auch ihre beiden Brüder fahren sehr erfolgreich. Der gleichaltrige Bruder Miká fährt im Rose Team NRW - die Bundesliga-Landesverbandsauswahl der Junioren - und der ältere Bruder Janek, der im Hauptrennen für das Team KOMSPORT fahren wird, wurde Siebter in Einhausen bei der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren U23. Durch ihn kam sie auch zum Straßenrennsport. Vorher fuhr sie Kunstrad.

Beate Zanner, die Konstante

Beate Zanner, die für maxx-solar LINDIG fährt, ist seit 10 Jahren eine konstante Größe in der Rad-Bundesliga und im Frauenradsport, die sich auch bei internationalen Rennen zu behaupten weiß. Im Vorjahr wurde die 35jährige Thüringerin Gesamtsiegerin in der Rad-Bundesliga, dieses Jahr Vierte bei der Deutschen Meisterschaft Straße. Dieses Jahr kann sie bereits fünf Siege verbuchen. Auch Zanner gewann - genau wie Pia Heming - am Vortag in Bochum-Wiemelhausen und jetzt in Recklinghausen.

Hochkaräter in Recklinghausen

Die Stars aus dem Bahnraduniversum, die bei der letzten Etappe der Ruhrpott Tour noch dabei waren, fehlen diesmal. Das hat einen Grund. Der Sieger der zweiten Etappe der Ruhrpott Tour, der Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren Theo Reinhardt, und Lucas Liß, der 2015 Weltmeister im Scratch und dieses Jahr Deutscher Meister in der Vierer-Mannschaftsverfolgung wurde, sind ein paar Tage zuvor in Frankfurt (Oder) vom BDR in die Bahn-Nationalauswahl für die Europameisterschaft berufen worden und jetzt im Vorbereitungsstreß. Die Bahn-Titelkämpfe finden bald - vom 2. bis zum 7. August - in Glasgow statt und sind die erste Qualifikation für die Olympischen Spiele. Auch Nils Schomber und Leif Lampater, die mit Reinhardt und Liß für das Team Heizomat rad-net.de bei der zweiten Etappe dabei waren, sind nicht da.

Startaufstellung mit dem Nationalteam der UAE.

Dafür ist die Nationalmanschaft der Vereinigten Arabischen Emirate da. Das Team, das zur Zeit in der Region ein Trainingslager macht, bringt internationales Flair ins Rennen, wird aber, genauso wie bereits am Vortag in Bochum-Wiemelhausen, im Rennverlauf keine entscheidende Rolle spielen.

Alexander Nordhoff, der Gejagte

Der Gesamtführende Alexander Nordhoff führt die Spitzengruppe an.

Das Hauptrennen ist ein Ausscheidungsrennen

Das Hauptrennen um den Gesamtsieg bei der VIVAWEST Ruhrpott Tour 2018 wird vom Start weg mit hohem Tempo ausgefahren. Über 43 km/h wird die Durchschnittsgeschwindigkeit später betragen. Ein Ausscheidungsrennen. Nach wenigen Runden kann sich eine Spitzengruppe mit acht Fahrern vom Hauptfeld lösen. Der Träger des Trikots des Gesamtführenden, Alexander Nordhoff vom Team Kern-Haus, ist zusammen mit Fahrern wie Dennis Klemme (Stevens Racing Team), Julian Horstmann (Leeze Biehler Cycling Team) oder Christopher Heider (Team Dauner D&DQ-AKKON) dabei. Auch Christian Thomas, ein sprintstarker Fahrer vom Team Strassacker, gehört dazu. Thomas, der 2017 als Jedermann das ŠKODA Velorace Dresden gewonnen und dieses Jahr durch Siege in Kaarst-Büttgen und im hessischen Hungen direkt in die A-Klasse aufstieg, zeigt, auf welchem Leistungslevel die Spitze der Jedermänner tatsächlich fährt.

Immer da, wenn es drauf ankommt: Alexander Nordhoff, rechts im Bild.
Der Sieger und Gesamtsieger Alexander Nordhoff (Team Kern-Haus).

Nach drei Etappen ganz oben auf

Drei Runden vor Schluss attackiert Nordhoff und löst sich mit einem Gewaltakt von der Spitzengruppe. Im Gegensatz zu anderen Fahrern in der Gruppe ist Nordhoff, der vor Beginn des Rennens sagte, “Ich hatte in der Frühsaison einen kleinen Formhänger, aber jetzt bin ich voll da”, nicht am Vortag in Bochum-Wiemelhausen gefahren. Die Entscheidung war offenbar die Richtige. Nordhoff fährt, wie schon in der ersten Etappe in Duisburg-Walsum, im Solo zum Sieg des Rennens und zum Gesamtsieg der VIVAWEST Ruhrpott Tour 2018. Thomas Christian (Team Strassacker) gewinnt aus der Gruppe heraus den Sprint und wird Zweiter, Julian Horstmann (Leeze Biehler Cycling Team) Dritter.

Radrennen Recklinghausen Single Round

Recklinghausen, Nordrhein-Westfalen, Germany

Distanz 1.04 Kilometer Steigung -0.2 Prozent Höhenunterschied 7 Meter

Galerie

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