11. Nacht der Revanche in Dorsten Lembeck
Text: Guido & Fotos: Fellusch

Die Nacht der Revanche

Radsportparty in Dorsten-Lembeck

Die Nacht der Revanche, die jetzt zum elften Mal an der Grenze zwischen dem nördlichen Ruhrgebiet und dem Süden des Münsterlands in Dorsten-Lembeck stattfand, ist ein typisches Zurhausen-Rennen. Ein kurzer Rundkurs, der den Zuschauern eine hohe Durchfahrtsfrequenz garantiert, ausgelassene Partystimmung und, aufgezogen als ein am Bahn-Omnium orientierter Mehrkampf auf der Straße, ein von traditionellen Straßenrennen abweichendes und interessantes Konzept.

Im Zentrum des nicht ganz 800 m langen Rundkurses thront der hochgelegene und imposante Kirchenbau von St. Laurentius. Die Kirchturmuhr zeigt 18:30 Uhr. Zuschauer und Fahrer werfen in der tiefstehenden Sonne lange Schatten. Die Nacht der Revanche hat begonnen.

Die 12 Zweierteams, die in den drei Lizenzrennen des Abends - einem Paarzeitfahren, einem Ausscheidungsfahren und einem Rundstreckenrennen - starten werden, sind handverlesen. Sie gehen ausnahmsweise nicht in den gewohnten Farben ins Rennen, sondern tragen Jerseys von Lembecker Unternehmen, die sich in der Lembecker Interessengemeinschaft, einem lokalen Werbeverband, zusammengetan haben und das Rennen sponsern.

Zweisam statt Einsam

Das Paarzeitfahren über zwei Runden ist für sich genommen das wohl langweiligste der drei Eliterennen. Denn es gibt für die Zuschauer nicht viel zu sehen. Daran leidet z. B. auch das Dinslakener Rennen. Auch hier gibt es ein Paarzeitfahren vor dem eigentlichen Rundstreckenrennen, auch da funktioniert das Format für Zuschauer einfach nicht. Andere Formate - z. B. ein Teamsprint auf der Start-/Zielgeraden - könnten hier durchaus mehr Unterhaltungspotential haben.

Daniel Klemme und Steffen Müller gewinnen das Paarzeitfahren

Sieger werden Daniel Klemme und Steffen Müller. Der jüngste der drei Klemme-Brüder, der als U23-Fahrer zwei Saisons als Profi fuhr - 2013 für das Leopard Trek Continental Team und 2014 für das aserbaidschanische Synergy Baku Cycling Project - fährt an diesem Abend überragend. Sein Partner Steffen Müller, der in dem für KT und A/B ausgeschriebenem Paarzeitfahren als C-Klasse-Fahrer mitfahren durfte, ist ebenfalls in guter Form. Apropos Ausschreibung: Die Strecke war offenbar auch etwas kürzer als die ausgeschriebenen 800 m. Aber wen interessiert bei so einer guten Stimmung schon die Ausschreibung bei Rad-Net?

Im Paarzeitfahren ganz vorne: Daniel Klemme und Steffen Müller.

Zweitplatziertes Team werden Marcel Peschges und Heiko Homrighausen, die normalerweise für Embrace The World Cycling fahren. Patrick Jungenblut, der eine Woche zuvor in den USA beim Urbana Grand Prix Illinois, einem lokalen Kriterium, Vierter wurde - manche Leute können einfach nicht im Urlaub entspannen - zeigt hier und im späteren Rundstreckenrennen erstklassige Zeitfahrerqualitäten. Er wird beim Paarzeitfahren zusammen mit Jarno Reimers vom Leeze Biehler Cycling Team, der schon in Oberhausen beim Pfingstrennen sehr stark fuhr, Drittplatzierter.

Wer zu spät kommt, fliegt raus

Der letzte, der am Ende jeder Runde die Start-/Ziellinie überfährt, ist aus dem Rennen. Das Ausscheidungsfahren ist spannend und gut orchestriert.

Lucas Liß, der Sieger von 2016, der 2015 Weltmeister auf der Bahn im Scratch wurde und der derzeit der amtierende Deutsche Meister in dieser Disziplin ist, zählt zu den Favoriten des Rennens. Obwohl es für "Lulu" als Bahnspezialisten noch früh im Jahr ist, zeigte er in den Rennen, die wir gesehen haben, bereits eine Hammerform. In der 25. Citynacht von Gelsenkirchen-Schaffrath beispielsweise, über die wir bereits berichtet haben, pulverisierte er in der Sprintwertung den langjährigen Rekord für die schnellste Runde. Er startet heute im Jersey der Volksbank.

Ebenfalls zu den Favoriten zählt Hannes Baumgarten, der das Rennen 2015 gewann und im Trikot des Dachdeckerunternehmens Droste startet.

Strahlender Sieger im Ausscheidungsfahren: Lucas Liß.

Der Weltmeister Lucas Liss räumt im Ausscheidungsfahren auf

24 Fahrer, 24 Runden. Ein Rennen wie ein Abzählreim. Die Favoriten halten sich in der ersten Hälfte des Rennens aus allem raus. Hannes Baumgarten fährt zu weit hinten und hat Pech. Er scheidet schon als 8. Fahrer aus.

Überraschend lang halten sich die zwei jungen Fahrer aus Eritrea, die hier für eine lokale Pizzeria kämpfen. Berhane Debesay, der sonst für das niederländische Dutch Foodvalley Cycling Team fährt und schon beim Oberhausener Pfingstrennen auffiel, macht den 8. Platz, Sami Gebemeskel landet sogar auf Platz 5. Adrian Kalk, einer unserer Lokalmatadore vom RRC Duisburg, der letztes Jahr buchstäblich mit dem Saisonende in Nettetal-Breyell den Wiederaufstieg geschafft hatte und zu Anfang dieser Saison noch kränkelte, fährt auf einen soliden 8. Platz.

Sieger des Rennens wird dann fast erwartungsgemäß ein bärenstarker Lucas Liß, der Jarno Reimers aussprinten kann. Den dritten Platz sichert sich Marcel Peschges.

In der Hitze der Nacht

Gegen 21 Uhr startet das letzte Rennen der Nacht der Revanche. 70 Runden sind ausgeschrieben, gefahren werden allerdings nur 60. Der Spannung tut das keinen Abbruch. "Die Strecke ist wie eine Karusselfahrt." erzählte uns Adrian Kalk in der Pause zwischen den Rennen. Er wird im Rundstreckenrennen auf den 11. Platz fahren.

Daniel Klemme führt die 7 Mann starke Kopfgruppe in die letzten Runden.
Lembeck ist echt ein kleines Dorf, aber feiert ein riesen Radrennen! Hannes Baumgarten von den WSA Pushbikers.

Daniel Klemme siegt im Rundstreckenrennen

Patrick Jungenblut reißt schon in der ersten Runde aus. In Zeitfahrermanier, die Unterarme auf dem Lenker liegend, überquert er immer wieder als erster die Start-/Ziellinie. Ein ebenso heroisches wie sinnloses Unterfangen. Immerhin gewinnt er so den von der DEKRA ausgelobten Leyderspreis für den Fahrer, der die meisten Wertungspunkte ersprintet.

Nachdem Jungenblut vom Feld geschluckt wurde, bleiben die Fahrer zusammen. Keiner kann sich lösen. Dann, gegen Mitte des Rennens, in der 30. Runde, gelingt es plötzlich einer Ausreißergruppe von sieben Fahrern, sich vom Feld abzusetzen. In der Ausreißergruppe sind die Favoriten Liß und Baumgarten, aber auch sprintstarke Fahrer wie Daniel Klemme.

Im Zielsprint zeigt Klemme dann auch, wie stark er sprinten kann. Der jüngste der Klemme-Brüder, der als Profi 2013 für das Leopard Trek Continental Team bei der Tour of China II zwei Etappen im Sprint gewann, hat in dieser Nacht die besten Beine und gewinnt im klassischen Tigersprung mit mehr als einer halben Radlänge vor Hannes Baumgarten. Dritter wird Jonathan Plag, der gemeinsam mit den beiden älteren Klemme-Brüdern Dennis und Dominic für das Stevens Racing Team fährt. Lucas Liß, der Top-Favorit, wird Vierter.

Fazit

Geht da noch mehr?

Grundsätzlich ist es eine tolle Idee, ein Rennen als Mehrkampf aufzuziehen. Die Pauseneinlagen zwischen den drei Lizenzrennen waren auch lang genug, um sich als Zuschauer ein Bier oder eine Rennwurst zu holen oder um sich als Fahrer zu erholen.

Erheblich verbessern könnte man die Nacht der Revanche noch in Bezug auf das Teamzeitfahren. Denn das ist an sich eher unspannend gewesen. Man sieht als Zuschauer einfach zu wenig. Entweder man wählt eine andere Form - wir hätten uns hier gut einen stehend oder fliegend gefahrenen Teamsprint auf der Start-/Zielgeraden vorstellen können - oder man macht das Zeitfahren transparenter. Es würde sicherlich spannender werden, wenn man als Zuschauer auf einer Anzeigetafel oder einem großen Monitor im Zielbereich sehen könnte, wo sich das Team, das sich gerade auf der Strecke befindet, von der Zeit her in Relation zu den anderen Teams befindet. Und wenn man schon einen Mehrkampf veranstaltet, dann wäre es nur konsequent, eine Gesamtwertung über alle Wettkämpfe zu führen.

Im Übrigen aber hat es Hannes Baumgarten auf den Punkt gebracht: "Lembeck ist zwar ein kleines Dorf, aber es feiert ein riesen Radrennen!"

lembeck nacht

Dorsten, NRW, Germany

Distanz 0.74 Kilometer Steigung 0 Prozent Höhenunterschied 4.7 Meter

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