Text: Guido & Fotos: Fellusch

André Kahrger - Zwischen KOMs und Konditorei

Wer gerade südlich von Essen unterwegs war, Strava nutzt und nachsieht, wer auf dem Segment, an dem es wieder nicht gereicht hat, den KOM innehat, könnte mit einiger Wahrscheinlichkeit auf den Namen André Kahrger stoßen. Für viele ist der Mann ein Phantom. Ein Ex-Profi, behaupten manche. Der macht nichts anderes außer fahren, sagen andere und schauen bei Strava auf seine profiesken Trainingszeiten. Ein Doper, munkeln ein paar. Den gibts gar nicht, das ist ein Fake, vermuten wiederum andere. Wir haben uns auf die Suche nach dem Mann hinter dem Mythos gemacht und einen sympathischen und bescheidenen Enddreißiger entdeckt.

Es ist früh am Morgen, jene unbestimmte Zeit, in der die Nacht langsam in den Morgen übergegangen ist, Grautöne zaghaft Farbe angenommen haben und die ersten Tagesgeräusche ertönen. Die kleine Bäckerei und Konditorei Kahrger in Mülheim an der Ruhr ist warm beleuchtet, einige Frühaufsteher kaufen auf dem Weg zur Arbeit die ersten Brötchen. In der Backstube herrscht Hochbetrieb, die Bestellungen des Tages werden fertig gemacht. Unter der Backstube ist die Konditorei und dort finden wir Andé Kahrger, der zusammen mit seinem Vater Hans-Ulrich Kuchenteig auf Bleche ausstreicht. Die erste Überraschung. Der Mann, der allen die KOMs stiehlt und meist gegen Mittag auf dem Rad sitzt, ist Konditormeister.

Natürlich wollte ich Profi werden, wie jeder andere U23-Fahrer auch. André erinnert sich und lächelt.

Zum Radsport fand André, der in Mülheim an der Ruhr aufwuchs und zunächst Leichtathletik machte, erst mit 12. Ein alter Freund seines sportbegeisterten Vaters, Heinz Geiling aus Duisburg, wurde sein erstes großes Vorbild. Geiling, damals über 80 Jahre alt, war bereits eine lokale Radsportlegende. Der ehemaliger Nationalfahrer, der im Laufe seiner Radsportkarriere rund 250 Siege eingefahren und auch nach dem Ende seiner aktiven Zeit eng mit der Radsportszene als Moderator und Organisator von Radrennen und als Inhaber des von ihm in den 50er Jahren gegründeten Radsportgeschäfts HeiGei verbunden war, half vielen jungen Talenten in der Region bei ihren ersten Schritten. Von Geiling bekam André auch sein erstes richtiges Rennrad. "Das war eine wunderschöne dunkelblaue Gazelle mit 7-fach Schaltung und Schraubkranz", erinnerte er sich.

Mit 13 fuhr er gegen Ende der Saison bei der Bezirkmeisterschaft Duisburg sein erstes Rennen. Auf Anhieb landete er auf dem zweiten Platz. Danach hatte ihn das Rennsportfieber fest gepackt. André begann, strukturierter zu trainieren und fuhr ab der nächsten Saison regelmässig Rennen. In diesem Jahr gewann er die Bezirksmeisterschaft.

Ab da war kein Halten mehr. Zwischenzeitlich war er zum RRC Duisburg, dem Verein, für den auch sein Vorbild Heinz Geiling als Amateur gefahren war und für den André auch jetzt wieder fährt, gewechselt und fuhr von Sieg zu Sieg durch die Jugend- und Juniorenzeit. Im ersten Amateurjahr mit Erwachsenenübersetzung marschierte er direkt von der B-Klasse durch in die A-Klasse. Nun war er in der höchsten deutschen Amateurklasse angekommen.

Ohne meinen Vater wäre das alles nicht möglich gewesen. Da ist sich André sicher.

Sein Vater opferte seine Freizeit, um ihn und die anderen Jungs quer durch Deutschland zu den Rennen zu fahren und zu betreuen. Kein kleines Opfer, zumal Hans-Ulrich Kahrger noch eine eigene Bäckerei und Konditorei zu führen hatte. Und damals gab es erheblich mehr Rennen als heute. "Mein Vater war eigentlich immer dabei, selbst später, als ich schon im NRW-Kader und in der Bundesliga gefahren bin."

Es gab auch viel mehr Fahrer. "Bei den Junioren waren Starterfelder bis teilweise über 100 Fahrer", erinnert sich André. Wer heute sieht, wie in Rennen Junioren und Senioren gemischt werden, um ein nennenswertes Fahrerfeld zusammenzubekommen, kann sich das kaum vorstellen. Auch die Leistungsdichte im Amateurbereich war größer, es gab mehr starke Fahrer. "Wobei das nicht heißt, dass es heute einfacher ist, zu gewinnen", sagt André. Er muss es schließlich wissen.

Und dann kam Coast.

1999, in seinem zweiten Jahr in der U23, wechselte André in das gerade gegründete Team Leonardo Coast nach Wattenscheid, das wenig später zum Team Coast wurde. Jenes Team Coast, das 2001 in die damalige Groupe Sportif 1, in etwa vergleichbar mit der späteren Teamkategorie UCI ProTeam bzw. dem heutigen World Tour-Level, aufstieg.

Eine Profikarriere war zum Greifen nahe.

Das Angebot von Team Coast war da, ich hätte nur noch unterschreiben müssen. Sehr wehmütig klingt er jedoch nicht.

Zur gleichen Zeit hatte André, der bis dahin wie ein Sporteremit gelebt hatte, zum ersten Mal in seinem Leben etwas kennengelernt - die Freundin, die wichtiger wurde, der Beruf, der immer mehr Freude machte - das ihn mehr interessiert hat als der Radsport. Im Nachhinein ist er zufrieden, so, wie es dann gelaufen ist. "Aber manchmal denkt man schon daran, was hätte sein können", sagt er. Unter Zukunftsgesichtspunkten war seine Entscheidung in der Rückschau sicher nicht die schlechteste gewesen. Anfänglich sah es für das Team Coast fantastisch aus. Man hatte den Sprung in die Gruppe der weltbesten Radteams geschafft, konnte Tour de France-Veteranen wie den Schweizer Alex Zülle oder den Spanier Fernando Escartín oder Ángel Casero, den spanischen Vuelta-Sieger von 2001, verpflichten. Mit der größten Akquisition des Teams, Jan Ullrich, der 2003 vom Team Telekom zu Coast wechselte, kam allerdings jäh das Ende. Auch wenn es nicht die Schuld von Ulle, damals eines der großen Vorbilder aus dem Profilager für André, war. Aber in dem Jahr musste das Team, dass sich offenbar finanziell übernommen hatte, Insolvenz anmelden.

Aus dem "Kurz vor Pro-Radsportler" wurde ein professioneller Zuckerbäcker. Während der Juniorenzeit hatte André im elterlichen Betrieb - was ihm sicherlich mehr Freiheiten gegeben hatte, seinen Sport auszuüben, als es normalerweise bei einem Auszubildenden der Fall gewesen wäre - seine Ausbildung zum Konditorgesellen und später seinen Meisterbrief gemacht.

Bei "Bäckerei und Konditorei" denkt man unweigerlich als Erstes an Brot, Brötchen, Kuchen und an sehr frühes Aufstehen. "Um 2:20 Uhr schellt der Wecker, ab 3 Uhr bin ich in der Backstube." Eine Zeit, zu der manche erst schlafen gehen. "Einige bestimmt, " sagt André, "ich hatte aber nie ein Problem damit, so früh auzustehen und mich nach der Arbeit noch fürs Training zu motivieren. Im Gegenteil. Wenn ich gegen 10 Uhr morgens nach Hause komme, schlafe ich ein paar Stunden und setze mich dann aufs Rad. Dann ist das Wetter draußen auch am besten." Wenigstens kann er so zu Profizeiten trainieren.

Zweifacher Weltmeister und dreifacher Deutscher Meister der Bäcker und Konditoren auf der Straße

2004 nahm André an der Deutschen Branchenmeisterschaft der Bäcker und Konditoren auf der Straße teil. Und gewann. 2006 wurde er zum zweiten Mal Deutscher Branchenmeister auf der Straße. Im gleichen Jahr fuhr er bei der Weltmeisterschaft der Bäcker und Konditoren auf einer anspruchvollen Strecke durch die Weinberge an der Luxemburger Mosel zum ersten Mal ins Weltmeistertrikot. 2008 gelang ihm erneut das Double aus Weltmeisterschaft und Deutscher Meisterschaft. Nach der DM konnte er sich bei der WM der Branchenamateure im niederländischen Ootmarsum als Solist absetzen und gewann noch einmal den Weltmeistertitel.

Wie muss man sich so eine Branchenweltmeisterschaft vorstellen? "Das kann man nicht wirklich mit einer normalen WM vergleichen, die Strecken sind nur rund 60 bis 80 km lang und unter den etwa 60 Fahrern, die in jeder Klasse starten, sind vielleicht ein Dutzend guter Fahrer", erklärt André, "aber in 2008 waren darunter z. B. zwei Nationalfahrer. Und gegen die muss man sich auch erst einmal behaupten."

Die Deutsche Meisterschaft der Bäcker und Konditoren gibt es nicht mehr. Sie teilt das Schicksal vieler Rennen im Lizenzbereich: Es findet sich einfach niemand, der sie ausrichten will. Die Branchen-WM findet aber nach wie vor statt. Dieses Jahr ist sie in Frankreich. Wo genau, steht noch nicht fest. "Ich würde dieses Jahr gerne mal wieder hin, wenn es nicht im tiefsten Frankreich ist. Reizen tut es mich ja doch noch."

Profamateur, Konditormeister, Ehemann und stolzer Vater

Auf seinen Unterarmen sind große und ungewöhnliche Tätowierungen. "Das sind mein Hochzeitsdatum und die Namen und Geburtsdaten meiner zwei Töchter." Aus dem Profamateur und Konditormeister war nun auch ein Ehemann und stolzer Vater geworden. Nach der Geburt der ersten Tochter zog sich André 2012 erst einmal für gut 4 Jahre aus dem Lizenzsportzirkus zurück. " Mittlerweile ist die die ältere Tochter 6 Jahre alt und startet bereits bei "Fette Reifen-Rennen". Und hat dabei riesig Spaß. Genetik ist eben alles.

Es gibt nur ein paar Strava-Segmente, die mich wirklich interessieren. Das sind die hiesigen Monumente der Segmente. André ist bekennender Stravaholic.

Ich bin ein wenig Strava-süchtig", gibt André zu. "Aber ganz so schlimm wie in den letzten beiden Jahren ist es nicht mehr." In 2016 und 2017 fanden einige Battles um die renommiertesten Segmente der Region statt. Kaum ein anspruchsvoller KOM war und ist vor ihm sicher. Selbst ein ehemaliger World Tour-Fahrer wie Ruben Zepuntke, der 2014 die 1. Etappe der Tour of Alberta gewonnen hatte und in 2015 und 2016 für Cannondale-Garmin bzw. Cannondale Pro Cycling gefahren ist, musste Federn lassen. Hart umkämpft waren vor allem die hiesigen Monumente unter den Segmenten. "Das sind für mich der Esel, das Essen-Werden-Bergzeitfahren, der Westanstieg und der Nordanstieg zum Sender Langenberg und Freunde of the High Line, das Trassenstück zwischen Kettwig und Velbert." Für etwaige KOM-Interessenten haben wir die Strava-Segmente am Ende des Artikels verlinkt.

"Ich kann nun mal in der Ebene schnell fahren, mag aber auch kurze fiese Anstiege sehr." Die Trainingsstrecken südlich von Essen bieten damit genau das Terrain, das André, der sich vom Fahrertyp her noch am ehesten als Puncheur beschreiben würde, liebt und gerne fährt. Zur Zeit konzentriert er sich wieder mehr auf strukturiertes Training - wer noch einen KOM hat, kann sich also etwas entspannen. "Richtigen Neid habe ich aber trotzdem nie erlebt", sagte André.

Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, zurück in die A-Klasse aufzusteigen. Und nächstes Jahr fahre ich bei den Senioren mit. Auch mit Ende 30 kann man als Radsportler noch Ziele haben.

2016 und 2017 fuhr er jeweils nur zwei Rennen. Das erste Rennen in 2016 gewann er direkt und stieg wieder in die B-Klasse auf. Für den Klassenerhalt reichten zwei Rennen in 2017 allerdings nicht. Die laufende Saison begann André wieder in der C-Klasse, gewann aber bereits sein zweites Rennen, Rund um Merken. Jetzt fährt er wieder in der B-Klasse und hat bereits für dieses Jahr den Aufstieg zurück in die A-Klasse im Visier.

Nächstes Jahr wird André 40. Wie geht jemand, der sein Leben lang eine Überbetonung des Körperlichen gelebt und auf hohem Niveau Leistungssport getrieben hat, mit dem Älterwerden um? "Darüber mache ich mir keine Gedanken. Solange ich fit bin, werde ich auch mit 80 oder 90 Jahren noch fahren. Das ist ja immer ein wesentlicher Teil meines Lebens gewesen."

Ob ihn ein anderer Sport reizen würde? "Eigentlich nicht", sagt André nach längerem Überlegen, "jedenfalls nicht so sehr wie das Radfahren." Und setzt nach kurzem Überlegen hinzu: "Laufen wäre es definitiv nicht."

Schnelle Fragen

Richtige Sockenlänge?

Socken über oder unter die Beinlinge?

Eine Radmütze unter dem Helm?

Nach dem Rennen Pommes und Bier oder Riegel?

Schnelle Antworten

Bis kurz unter die Wade.

Drüber.

Muss.

Pommes! Nur Alkohol mag ich nicht so gern.

Die Monumente der Segmente

Um sich mit André zu messen, muss man nicht unbedingt Lizenzrennen fahren, sondern kann sich auch an einem der folgenden Strava-KOMs versuchen. Viel Glück!

> Esel
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> Zum Sender
> Langenberg Sender North Climb
> Freunde of the High Line

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